Müllkunst
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Müllplastik - Müllperformance - Müllkunst
Ästhetisierung von Abfallprodukten
Poesie des Mülls –  Stöbern in Zwischenwelten
 

 


Die am Ende der Konsumkette unserer Warengesellschaft stehenden Produkte Müll und Abfall werden von Kranemann und BrindlArt als ästhetische Instrumente in ihrer künstlerischen Arbeit eingesetzt.
Abfallstoffe, Altmaterialien, Verpackungen und Müll sind fester Bestandteil in allen Kulturen. Der Unterschied zwischen den Kulturen besteht nur in Form und Fülle der Altlasten und auch darin, wie damit bei der Entsorgung verfahren wird.
In unserer Kultur sind wir stolz auf unser Recyclingsystem, obgleich dies auch der Grund sein kann, die Moral von Müllproduktion selbst nicht zu verändern.

Ästhetischer Wertekanon

Da es im Kern der künstlerischen Arbeit bei Kranemann und BrindlArt immer um das Geistige in der Kunst geht, darf man auch deren Auseinandersetzung mit dem Thema Abfallprodukte und Müll nicht isoliert betrachten. Müllkunst und Abfallkunst ist nicht als Mahnung an unsere Müllgesellschaft zu werten oder allein als Sinnbild des Konsums zu verstehen. Auch geht es nicht nur um die Rückführung und Umwertung von wertlos gewordenem und ausgestoßenen Kulturprodukten zurück in eine neue Wertenomenklatur.
Müllkunst, Müllplastiken und Müllperformances des Künstlerpaares sollen den Rezipienten auf die Polarität des Sujets, also nicht nur auf die Quantität von Abfallprodukten in unserer Massen-  und Wohlstandsgesellschaft allein, sondern auch auf den ästhetischen Wertekanon von Zerfallsprozessen, Endprodukten und Altmaterialien verweisen. Müll und Abfall ist im künstlerischen Prozess bei Kranemann und BrindlArt keine undifferenziert Masse, sondern Stoff einer ästhetischen Differenz.

Temporäres Nebeneinander

Die Vielfältigkeit der Dimensionalität lässt sich wie kaum bei anderen Produkten als bei Müll, Abfall und Fäulnis untersuchen und darstellen. So waren es nicht nur Form oder Zersetzungsgrad eines Müllobjektes, die bei Kranemann und BrindlArt das Interesse am Sujet weckten, vor allem war es die temporale Veränderbarkeit aller Parameter.
Der vergleichsweise statische Zustand einer Stein- oder Metallskulptur verliert sich in der Müllplastik allein durch die Tatsache, dass die Produktelemente aufgrund ihrer Bestimmung bereits am Ende der Konsumachse stehen. Brauchbar und Wertvoll wird plötzlich zu Unbrauchbar und zu einer Masse ohne eigenen Sinn und somit für uns wertlos. Gegenstände werden umdeklarierte, dann als Müll definiert und verworfen. Witterungs- oder Fäulnisprozesse setzen ein und beginnen einen Zustand im Kontext innerhalb einer bestimmten Ordnung weiter zu verändern.

Translationen

Wie in vielen Aktionen bei Kranemann und BrindlArt ist das Vermischen und die Übersetzbarkeit der einen Kunstgattung in die andere die Basis des künstlerischen Forschens. So ist jede Müllperformance eingebettet in einen multimedialen Rahmen: Klangspuren von Müllgeräuschen und Geräuschemüll werden gemischt mit Kontrastklängen. Parallel zugeführte Synthesizerklangsprachen und Texte zum Thema Müll, abgelöst von absurden Textpassagen und Müllgedichten, formen die Gesamtkomposition zu einem akustischen Kunstwerk.
Das Zusammensetzen der gesammelten oder gefundenen, ästhetisch als wertvoll erachteten Müllelemente, findet dann in einer Aktion statt, die neben den akustischen Reizen von Klang, Geräusch und Sprache auch aus verschiedensten optischen Ausdrucksmittel zusammengefügt wird. Der Einsatz von Farbe in der Live-Malaktion dient dann zur optischen Akzentuierung und Konnektierung von ästhetisch signifikanten Müllobjekten. Dabei lösen in der Malaktion gezielte Pointillierung automatisierte Bewegungen ständig ab. Das Aktionsgeschehen ist somit im analogen Verhältnis sowohl geplant, wie auch spontan.


Müllplastiken fungieren als Zwischenraum für den ästhetischen Akt der Wahrnehmung. Was am Ende der Konsumkette unserer Wegwerfgesellschaft entsorgt worden ist, taucht im Zwischenraum der Kunst in einem neuen Wertespektrum und neuem Kontext wieder auf.
 

Frischhaltefolie mit Anfangsfinder

Fragmentarisches Einpacken von Skulpturelementen, Müllteilen und Fäulnisprodukten mit transparenter Frischhaltefolie und Plastikplane sollen nicht Formen betonen oder gar verdecken. Sie soll konservieren, den Verfallsprozess symbolisch aufhalten. Zeitgenössische Kunst fällt in unserer Gesellschaft immer mehr dem konsum- und warenkapitalistischen Denken zum Opfer.  Die zarte Folie symbolisiert die Fragilität unserer geistigen und künstlerischen Lebensäußerungen. Geistige Errungenschaften und Leistungen unserer Kultur dürfen nicht verloren gehen, müssen bewahrt, konserviert werden. Vielleicht ist es heute die Aufgabe der Kunst, dieses zu bewahren um es zum gegeben Zeitpunkt wieder zu entpacken. - Dann müssen wir nur wieder den Anfang finden.

Aufmerksamkeit richtet sich auf die multimediale Korrelation

Gegensätzlichkeiten, Wechselbeziehungen und Wechselwirkungen, die innere geistige Verbundenheit verschiedenster Stimuli, die von akustischen und optischen Reizen mittels Farbe, Klang und Sprache ausgelösten graduellen Feinheiten, lassen neue Wahrnehmungsmuster in unserem Gehirn entstehen, die ihrerseits neue Impulse auslösen. Die optisch isolierte Präsentation wird vermieden durch das Abspielen einer zuvor komponierten Klang-CD. Das Gesamtkunstwerk wird erst durch die Vor-Ort-Formung evident und real. Die Künstler steigen ein in eine inszenierte künstlerische ästhetisch korrelative Umgebung und der Rezipient wird Teil des Werkes, indem er durch die Akkumulation von visuell und akustisch wahrnehmbaren Reizen in ein Dazwischen-Sein befördert wird. So ist jedes Müllkunstwerk individuell, aber gleichzeitig auch temporär. Der Unterschied zwischen Betrachter und Künstler liegt nur in einer Nuance der Veränderbarkeit des Momentan-IST-Zustandes während der spannungsreichen Aktion.

Orte für Müllplastiken – Kumulation

Eine Müllplastik zeichnet sich immer dadurch aus, dass sie am falschen Ort auffällt. An einem gesellschaftlich definiert „korrektem“ Ort,  wie Müllverbrennungsanlage oder Mülldeponie, finden die verbrauchten Produkte keine Beachtung mehr. Müll und Abfall fallen uns nur dann auf, wenn sie angehäuft auftreten oder an ungewöhnlichen Orten auftauchen. Im Werk von Kranemann und BrindlArt fallen sie umso stärker auf, weil sie scheinbar so klar im falschen Kontext platziert und dabei auch noch akzentuiert sind. Im weiteren Verlauf des künstlerischen Prozesses lassen sich dann nur Elemente des Werkes wahrnehmen, die, wie Müll, wie die Kunst, wie das Leben selbst, auch dem Verfall ausgeliefert ist.

Leben, Müll und Kunst vermischen sich.

 

 

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© - Kranemann und BrindlArt

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