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72 Stunden multimediale
Kunst 2003 -
Das Tagebuch |
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Eigentlich soll die Kunstaktion um genau 10.00 Uhr mit einem Blaskonzert auf
dem Vorplatz beginnen - wir sind aber bereits früher vor Ort und noch mit
Vorbereitungsarbeiten beschäftigt. 10.30 Uhr: BrindlArt baut ein Bett aus Holz, Kranemann und Blum bereiten den Kinosaal 4 für das abendliche Bluepoint Underground - Konzert vor. Sie installieren eine Soundanlage in der Einganshalle, in der ab jetzt 3 Tage lang die Komposition "Klangfarben" von Kranemann erklingt.
10.45 Uhr: Blaskonzert; Kranemann mit Posaune, Blum
mit Tuba und BrindlArt mit einer Trompete!
11.00 Uhr: Kranemann baut die Installation "Schrebergartenkultur" in der Eingangshalle des CinemaxX auf. 12.00 Uhr: Das Kamerateam vom WDR, unter der Leitung von Hendrike Madest, erscheint. Das Team will uns den ganzen Nachmittag begleiten.
13.30 Uhr: Obwohl wir
die geplante Farbaktion um 18.00 Uhr nicht vorverlegen wollen, machen
Kranemann und BrindlArt für die WDR-Aufnahmen eine kurze Performance mit Farbe und Müll am
Flügel. Kranemann wirft einzelne Müllteile in den Flügel. Kranemann und
BrindlArt bemalen den Flügel und tanzen um ihn herum. Die Stimmung ist gut. Einige
Passanten bleiben stehen und staunen, wahrscheinlich wegen der WDR Kameras.
Müllkunst: Kranemann und BrindlArt beginnen die Müllplastik aus Wuppermüll zu formen. Die Müllskulptur wurde schon einige Wochen zuvor in Leverkusen, im Rahmen der Müllperformance "Transformation" gezeigt und hier vor dem Kino in neuer Form wieder aufgebaut. 14.00 Uhr: Kranemann und BrindlArt geben ein Blaskonzert mit Posaune und Trompete in der Badewanne auf dem Vorplatz des CinemaxX. 15.00 Uhr: Flötenklänge und absurde Texte von BrindlArt auf dem Vorplatz; Kranemann spannt 100 m Drahtseil in 6 m Höhe in der Eingangshalle des CinemaxX für 50 qm transparenter Folie der "Farb- und Klanginstallation". 16.00 Uhr: Soundcheck von Bluepoint Underground im Kino 4 mit WDR-Begleitung; Ab 16.30 Uhr grillen wir auf dem Vorplatz. Wir führen die ersten Gespräche mit Passanten. Einige Leute gesellen sich zu uns und stellen erste Fragen zur Aktion. Die Stimmung ist gut, das Wetter allerdings macht uns zu schaffen. Es ist unerträglich heiß und BrindlArt leidet im schwarzen Overall. Er beschließt sich ihm zu entledigen.
Eine junge Frau fragt uns, ob sie auf dem Flügel spielen dürfe. Wir
erlauben es. Sie bleibt bis spät in die Nacht, tanzt und singt. Sie
beginnt unsere Anlage zu okkupieren und uns langsam zu nerven. 17.00 Uhr: Die WZ-Redakteurin Meike Nordmeyer besucht uns und notiert sich Fakten auf ihrem Notizblock.
18.00 Uhr:
Der WZ-
Fotograf Gerhard Bartsch schießt ein Foto von Kranemann und BrindlArt vor der
Müllskulptur für die morgige Ausgabe der WZ (Westdeutsche Zeitung). Die Angestellten stört es, dass wir uns freizügig im Kino bewegen und in Räume eindringen, die für Besucher nicht zugänglich sind. Keiner der Mitarbeiter fragt uns über den Sinn der Aktion. Außerdem können sie unsere Musik und Klänge nicht ausstehen. Ihr Kosmos ist halt gestört. Da müssen sie durch!! 20.00 Uhr: Das erste Bluepoint Undergroundkonzert steht auf dem Plan. Leider sind nur zwei Zuschauer anwesend. Wahrscheinlich ist das Wetter ist zu heiß. Die Leute sind alle in den Freibädern. Unsere Hoffnung, das Wetter möge während unserer 72 Stunden schön sein, hat sich zwar erfüllt, schlägt aber fast ins Gegenteil um. Vielleicht wäre Regen besser gewesen!! Nein! Oder wir hätten die Aktion in ein Freibad verlegen sollen. Wir sind müde und vom Tag geschafft – aber 3.00 Uhr - "Kunst-Schlafenszeit" ist noch eine Ewigkeit entfernt. Um 21.00 Uhr tauchen befreundete Künstlerkollegen auf und wir setzen uns auf den Pflasterboden am Vorplatz und beginnen zu diskutieren. Die junge unbekannte Frau tanzt immer noch. Mittlerweile haben wir Respekt vor ihrem Durchhaltevermögen. Es scheint ihr wirklich Spaß zu machen. Die "Masse" der Leute nimmt zu. Waren es tagsüber nur wenige Passanten, werden es zur später Stunde immer mehr. Wir schöpfen Hoffnung! Es wird kühler und damit wesentlich angenehmer. Zwischenzeitlich machen wir kurze Klangperformances mit unserer Außenanlage. Einige junge Passanten werden immer aufdringlicher und besetzen unserer Stühle und Bänke, die wir für uns vorgesehen haben. Ein junger Mann, schätzungsweise 17/18 Jahre alt, in Begleitung mit zwei jungen Damen gleichen Alters, findet den Mut uns zur Aktion zu fragen. Einer der okkupierenden Passanten gibt eine ironisch-lakonische Antwort. BrindlArt wird sauer. Er stellt die Initiatoren der Aktion vor und beantwortet alle Fragen des jungen Mannes. - Situation gerettet. Die Reaktion des jungen Mannes ist positiv.
(Bei näherer Beobachtung der Gesamtsituation - Biertisch mit 10 Leuten, im Halbdunkel, einige trinken Bier, drängt sich wirklich die Frage auf, ob unsere Aktion für Außenstehende einladend wirkt). Viele Menschen gehen jetzt in die Spätvorstellung und beachten uns nur wenig. Die Situation ist entspannt und die Lust zu philosophieren und zu diskutieren verflüchtigt sich. 2.30 Uhr: Die Außentüren werden von Mitarbeitern verschlossen und wir begeben uns in das Foyer, das gleichzeitig unser Schlafraum in den nächsten Nächten sein wird. Wir sind ziemlich aufgedreht und jetzt nicht in der Lage, sofort einschlafen zu können. Wir setzen uns in unseren Schrebergarten und diskutieren bis 4.00 Uhr. |
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Der erste Tag klingt um 4.00 Uhr aus - schlafen gehen. Hundemüde! BrindlArt wird um 5.00 Uhr wach, ein Passant schaut von draußen rein. Ein junger Mann nimmt Anlauf und springt über den Bretterzaun, der unter der Last fast zusammenbricht. 7.00 Uhr: Die Reinigungsfrauen beginnen unermüdlich mit ihren Staubsaugern zu arbeiten – insgesamt 3 Stunden. Man wünscht sich Ohrenstöpsel. Ein kleiner hässlicher Pekinese, der einer Reinigungsfrau zu gehören scheint, beginnt zu bellen. Man ist dem Wahnsinn nahe. 8.00 Uhr: Es hat keinen Sinn mehr zu schlafen. Die Staubsaugermotorengeräusche scheinen aus allen Richtungen zu kommen, sie werden von allen Wänden im Foyer reflektiert - Morgentoilette steht an. Kranemann schläft noch, Blum scheint mit dem Lärm der Reinigungsfrauen kein Problem zu haben. Er schläft tatsächlich auf dem harten Steinboden bis 11.00 Uhr – Wahnsinn! Das ist Kunst!! Die auf dem Vorplatz aufgestellte Badewanne hat jemand benutzt, um sich zu erleichtern - reingepisst! Interessante Rückkopplung! Das hält man also von Kunst. Oder war es jemand, der meinte, es würde sich um ein überdimensionales Pissoir handeln? Wird wohl immer ein Rätsel bleiben. Gott sei Dank ist die Zahnbürste dabei. Haben mehrere Zahnbürsten eingepackt, für jeden Tag eine. - Wir trinken Mineralwasser! Die Reinigungsfrauen sind uns wohl gut gesonnen, sie spendieren uns einen Kaffee. Wahrscheinlich aus Mitleid. Es besteht noch Hoffnung! Vormittag: Wir sprechen kurz mit der Leiterin des CinemaxX, Frau Sander. Sie bittet uns freundlich, die Türen geschlossen zu halten, sonst würde es Probleme mit der Klimaanlage geben. Klar ! Wir haben nicht daran gedacht! Sie informiert uns über den Missmut der Mitarbeiter, obgleich "Missmut" wohl gelinde ausgedrückt ist. Es scheint ein regelrechtes Hassgefühl gegenüber uns zu herrschen. Scheiß drauf! Kunst ist für alle da!
10.00 Uhr: Bereits jetzt herrschen tropische Temperaturen. Kranemann will heute die 50 qm Folie für die Arbeit "Farbklänge und Klangfarben" mit Kompressor bearbeiten. Die Spritzpistole ist defekt. Kranemann muss im Baumarkt Ersatzteile besorgen. 10.05 Uhr: Das Blaskonzert wird verschoben, Blum schläft noch. Kranemann bereitet Folie vor und beginnt zu arbeiten. BrindlArt schneidet Malkarton zu Recht und heftet diesen an den Bretterzaun. Die Idee ist nicht gut, der warme Wind dringt durch die Ritzen des Bretterzauns und reißt den Karton wieder ab. Rückkopplung der Natur. Der Fotograf Peter Ullrich taucht erneut auf und beginnt von Neuem zu fotografieren. Er schenkt BrindlArt einen Computerfotoausdruck - BrindlArt ist begeistert. Wir diskutieren über die Aktion und über die Zukunft, zuerst über die Zukunft des heutigen Tages, dann über die Zukunft der weiteren Tage. Der Vorplatz ist wie leergefegt. Viele menschenleere Busse durchstreifen die Stadt. Es ist laut, der Autoverkehr stört die Konzentration und die Hitze tut ihr übriges. 11.00 Uhr: Wir geben ein kurzes Blaskonzert. Erste Passanten bleiben stehen, Fragen stellt jedoch keiner. Die Gesichter drücken Verwunderung aus - nicht mehr. Die Müllskulptur ist soweit fertig und gelungen. Sieht toll aus!
Kranemann zerschneidet die bemalte 50 qm Folie und beginnt mit BrindlArt die Fragmente auf die vorbereiteten Stahlseile im Foyer aufzuhängen. Dazu lässt er Klänge via CD-Player abspielen. Die Arbeit im Kino ist angenehm, das Foyer ist klimatisiert. Draußen ist es fast unerträglich heiß und wir haben Verständnis, dass die Menschen sich nicht für Kunst interessieren und sich in den Freibädern und Baggerseen Abkühlung verschaffen. Beim Aufhängen der bemalten Folien von Kranemann stellen wir fest, dass die Glasfassade mit den Metallverstrebungen massiv verstaubt sind und beschließen diese Tatsache der CinemaxX-Leitung mitzuteilen. Brandgefahr durch Überbrückung! Auch von uns soll es Rückkopplung geben. 16.00 Uhr: Grillen auf dem Vorplatz. Der Hunger ist groß und der Durst noch mehr. Es sind schon einige Liter Flüssigkeit, die wir uns zuführen müssen. Es taucht ein junger Mann auf, der uns nach dem Flügel und dem Schicksal dessen nach der Aktion fragt. Er stellt sich als junger Aussiedler aus Georgien vor, der Musik studieren will. Er will uns den Flügel abkaufen. Wir beschließen aber, ihm diesen zu schenken. Er freut sich überschwänglich. Der Flügel ist zwar mit Farbe bearbeitet, aber sonst noch voll funktionsfähig. Wir freuen uns, ihm eine Freude bereitet zu haben und verwerfen den Gedanken, den Flügel weiter künstlerisch zu gestalten.
Wir erhalten Besuch von Petra L. Wie immer diskutieren wir über Kunst. BrindlArt bemalt 4 Kartons mit der Intention, diese nachts hängen zu lassen. Vermutlich werden sich irgendwelche Vandalen darüber her machen und sie zerreißen. Aber es handelt sich nicht um Kunst. Ein Lockmittel zum Dekonstruktivismus! Die Müdigkeit wird immer größer. BrindlArt legt sich um ca. 23.00 Uhr ein wenig hin, wird aber kurz darauf von einem jungen Mann geweckt. Unverschämter Hosenscheißer! Er besteht beharrlich auf einer Auskunft. Ihm scheint es völlig egal zu sein, dass BrindlArt müde ist. Da die Fragen vernünftig gestellt wurden, gibt BrindlArt aber bereitwillig Auskunft. Trotzdem ist er sauer. Frechheit!
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7.00 Uhr: Erneut durch die Reinigungsfrauen aufgeweckt und - wir trauen unserer Augen nicht. Vandalen haben heute zwischen 3.00 und 5.00 Uhr nicht nur die Zeichenkartons zerrissen, auch der Bretterzaun ist völlig zerstört und - nicht genug, die Müllskulptur liegt auch danieder - und die Flügelabdeckung des Klaviers ist abgerissen. Jetzt erstmal Morgentoilette! BrindlArt beginnt Fotos von der dekonstruierten Müllplastik zu schießen. Ein älterer Passant geht vorbei und beschwert sich über den Müll: „Ja, wir haben viel Müll zu fotografieren in Wuppertal!“ meint er lakonisch. Da hat er Recht, es ist ja Wuppermüll!
Kranemann und BrindlArt beschließen nach ausgiebiger Diskussion, die zerstörten Objekte wieder herzustellen.
Müllskulptur mit gemeinsamen Kräften erneut aufgebaut - ihr dummen kleinen Arschlöcher!
Die Stimmung unter uns wird immer besser. Die Straßen sind völlig menschenleer - Kein
Arsch
weit und breit. Ab und zu ein Fahrzeug, verlassene Stadt, verständlich bei
der Hitze!
Einige Mensche überqueren hastig den Platz – die Hitze ist wirklich unerträglich. Wir huschen ins Kino um uns ein wenig abzukühlen. Der junge Georgier, unser Musikstudent, taucht erneut auf, streichelt seinen Flügel, der auch letzte Nacht erheblich gelitten hat. Der Notenständer wurde abgerissen. Der „Musikstudent“ redet mit seinem Klavier und schwitzt. Die Wärmestrahlen werden allesamt vom schwarzen Flügel reflektiert. So ist es wohl gut, dass auch ein paar Farbspritzer drauf sind. Es ist kein guter Ort. Er scheint immer noch keine Möglichkeit ersonnen zu haben, den Flügel abzutransportieren. Wie sich später herausstellt, wird er es auch nicht schaffen. – Das Studium rückt in noch weitere Ferne! Irgendwie ist heute ein schöner Tag. Es ist heiß, aber ruhig. Die Badewanne ist trocken, der Urin es unbekannten Pinklers ist verdampft. Die Meinung hat sich aufgelöst. War wohl nicht überzeugend, das Argument. Kranemann und BrindlArt beginnen in der sengenden Hitze die Schattenfiguren auf die Bretterwand zu malen und werden von einem Künstlerkollegen besucht. BrindlArt beschließt auf dem Klavier zu spielen und beginnt mit dem elektronischen Effektgerät die Klänge zu verändern. Blum spielt auf der Tuba. Die Klänge durchdringen die Häuserschluchten. Es wirkt ein wenig gespenstisch. Kinobesucher gibt es zur Zeit wenige. 16.00: Grillen ist angesagt – die Arbeit ist anstrengend, aber zu schaffen. Der Hunger ist groß und die Trinkmengen müssen weiter gesteigert werden. 17.00 Uhr - Hunger gestillt, Personen vom Vortag sind wieder aufgetaucht und beginnen uns erneut zu beobachten.
20.00 Uhr:
Das Blupoint Underground Konzert steht an. Der Hitze wegen haben wir vermutet,
dass auch hier kein Mensch sich für das Konzert interessiert, aber es sind
doch viele gekommen, die die spontan hergestellten Plakate in der Stadt entdeckt haben.
Bluepoint Underground spielen
von 20.30 bis 0.30 Uhr 3 Stunden mit jeweils 2 Pausen dazwischen. Parallel
zur Musik werden 3 verschiedene Videoarbeiten gezeigt. Freunde und Bekannte besuchen uns. Heiße Diskussionen, großes Interesse und Zustimmung zum Konzert und zur Ausstellung. Die Müdigkeit treibt uns ins Bett. Nein, es ist ein Angestellter, der uns ins Bett treibt. Er will die Tür abschließen. Kranemann und BrindlArt legen sich um 3.00 schlafen. Blum arbeitet noch im Kino 4 bis 4.00 Uhr. 7.00 Uhr: Aufstehen und die ersten Brocken ins Auto tragen. Es wird eine anstrengender Tag. Wieder sind es die Reinigungsfrauen, die unseren kurzen Schlaf stören. Morgentoilette und Kaffeetrinken. 10.00 Uhr: Ende der Kunstaktion!
Bis 19.00 Uhr aufgeräumt, gefegt, Löcher verputzt, Bühne weggebracht, Schrottplastik zerlegt, sortiert und entsorgt. Boden und Fensterfassade gereinigt und Flügel mit dem Privatwagen zu unserem "Musikstudenten" gebracht, der angeblich um die Ecke wohnt. Ende! |
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